Freilaufende Schubkarren oder warum ich Erasmus liebe, Fortsetzung

Zurückgelassen habe ich den geneigten Leser an der Stelle, an der Martin und ich uns mit einigen finnischen Tutoren trafen um abends noch wegzugehen.

Der Club, in den sie uns bugsieren wollten heißt Saha. Das Logo, das eine Kreissäge zeigt, hat mich gleich wieder ein Stück weitergebracht in meiner Mission Finnisch zu lernen -  Saha heißt offensichtlich Säge. Soweit so gut. Einen Abend mit Wissenszuwachs zu beginnen ist ja schließlich immer gut.

Der Laden ist schön gelegen – direkt am Tammerkoski, also der Stromschnelle direkt in der Stadt, die die beiden Seen verbindet und aus der Strom gewonnen wird. Außerdem ist es etwa 3,7 Steinwürfe vom Keskustori entfernt. Das wiederum ist der zentrale Platz in Tampere.

Vor dem Club gab es eine Art Biergarten vor dem drei Herren standen, die dem Eiweißdrink in der Muckibude wohl relativ häufig zugesprochen haben. In Finnland gibt es also auch Türsteher. Wofür ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen, denn reingelassen wurde jeder, man musste höchstens mal einen Moment warten, bis einige gegangen waren und wieder Platz war.

Der Club selber hatte dann noch mal eine Art Wintergarten, dessen Bedeutung sich mir auch erst später erschloss. Außerdem gab es einen Bereich, den man wohl eher als Bar/Restaurant bezeichnen kann und eben eine Tanzfläche. Nunja, Bier gab es auch, für sportliche 5,50€ je halbem Liter. Martin und ich gönnten uns trotzdem je eins und mussten feststellen, dass hohe Preise nicht unbedingt für hohe Qualität bürgen. Damit ist mein gesamtes VWL-Studium ad absurdum geführt. Überhöhte Preise, schlechte Qualität sollten eigentlich zu einem Nachfragerückgang führen. Aber die werten Herren Volkswirte haben eben ihre Rechnung ohne die Auswirkungen einer Alkoholintoxikation gemacht.

Interessant war auch, als Moisku, die finnische Tutorin, völlig aufgelöst auf uns zugestürmt kam und voller Entrüstung erzählte, dass sie die 2€ für die Garderobe gar nicht mit ihrer Kreditkarte bezahlen konnte. Sachen gibt’s! Finnen zahlen alles und überall immer mit Karte. An einigen Läden sieht man Schilder, die ich auch ohne große Finnischkenntnisse so interpretieren würde, als ob die Zahlung mit einer VISA Electron Karte weitere 5% Rabatt bedeuten würde.

Der Laden war relativ heiß und stickig und Martin und ich beschlossen also unser Bier (im Plastikbecher) doch einfach am Tammerkoski zu trinken, denn da draußen ist es sehr schön.

Als wir gerade den Wintergarten durchschritten Richtung kühler Brise vom Wasser wurden wir von einem der muskelbepackten Menschen zurückgehalten. Trinken auf der Straße ist nicht! Aha, wieder was gelernt. Kurze Zeit später kam es zu einer kleinen Rangelei zwischen Türstehern, Gästen und was weiß ich wem alles noch. Der Auslöser war hinterher nicht mehr festzustellen für den Chronisten, aber mein Wissen erweiterte sich noch weiter! Denn Finnen im angetrunkenen Zustand (ja, ein Euphemismus) gefällt es gar nicht, dass man draußen nicht trinken und drinnen nicht rauchen darf. Und in solchen Momenten taut der vermeintlich unterkühlte Freund aus dem Norden dann sehr stark auf und wird durchaus argumentativ (böse Zungen würden von aggressiv sprechen, aber mit solchen harten Worten wollen wir uns heute zurückhalten).

Nun aber mal zum Tanzen. Wie tanzt der Finne und wozu eigentlich!? Tja, gar nicht so leicht zu beantworten. Wir waren mit Moisku und einer russischen Austauschstudentin tanzen, die anderen aus der Gruppe saßen am Tisch und quatschten wohl. Die Tanzfläche war voll und die Musik war ähnlich wie in deutschen Clubs – So Electro-, HipHop- und Blackzeugs. Naja, muss man mögen. Lustig wars trotzdem, vor allem weil ein großer Teil der Songs auf Finnisch dargeboten wurde. Was einige der Damen zum verträumten mitsingen verleitete. Müssen ganz schöne Gassenhauer gewesen sein, was sich dem Schreiberling leider nicht eröffnete aus Mangel an Sprachbegabung. Soweit alles recht normal. Was mich aber verwunderte, war, dass eigentlich keine Männer tanzten. Außer natürlich denen, die mit der holden Weiblichkeit angebändelt hatten und nun mehr oder weniger eng umschlungen sich zum Takt der Lieder wiegten. Aber so alleine tanzt der Finne scheinbar eher nicht. Moisku bestätigte das. Als ich schon den Sitten des Landes folgen und die Tanzfläche verlassen wollte, erblickte ich dann aber doch ein paar männliche, tanzende Finnen. Hätte ich aber auch gut drauf verzichten können. Denn die drei waren nicht nur sternhagelvoll, ihr Anführer hatte sein ohnehin schon deutlich zu weit aufgeknöpftes Hemd auch noch mit einigen (immerhin farblosen) Drinks vollgeschüttet. So dass von Brust bis Bauch also ein nasser Streifen seinen Körper zierte. Zu seiner Verteidigung möchte ich anführen, dass dieses Outfit gut mit seiner blonden, verschwitzten Dauerwelle harmonisierte. Das zusammen wäre mir persönlich ja völlig gleichgültig gewesen, wenn er und seine Freunde sowie einige andere Jungspunde nicht die anwesenden Frauen als komplettes Freiwild gesehen hätten. Da wurde gegrapscht, angetorkelt, unflätig angesprochen. Dass das Angequatsche unflätig war, habe ich eher an den Reaktionen der Damen abgelesen als an der finnischen Wortwahl.

Auf unseren empörten Hinweis zu diesem Thema meinte Moisku nur, dass finnische Mädels sich daran gewöhnt hätten. Hm, na ja.

Interessant war auch, dass während eins bestimmten Songs noch einmal Bewegung in die Masse kam. Moisku raffte daraufhin ihre Sachen zusammen – letzter Song. Das fand ich schon lustig, weil ich so was nicht kenne von zuhause. Vielleicht weil ich solange nie bleibe. Jedenfalls scheint das überall immer der gleiche Song zu sein. War wieder finnisch, weswegen ich jetzt nicht problemlos überprüfen kann, ob der Inhalt dergleichen hergibt.

Auf alle Fälle bildeten sich da noch mal eifrig Pärchen. Es wurde gekuschelt, geschunkelt und geknutscht. Hatte schon so ein bisschen den Anschein von Torschlusspanik. Aber finnische Nächte können ja schließlich auch sehr kalt sein. Die meisten schienen aber für diesen Abend versorgt zu sein. Auch der Kollege mit der blonden Dauerwelle und dem interessanten Outfit. Da war ich schon ein wenig erstaunt, dass sich irgendwer seiner erbarmt hat. Aber auf jeden Topf passt bekanntlich ein Deckel und wenn sie denn glücklich werden – bitte…ich werde ihnen nicht im Weg stehen.

Interessant ist auch, dass sich selbst ein global agierender Konzern wie McDonalds an die finnische Mentalität angepasst hat. Gut, jedes Land hat so seine eigenen Burger. Aber in Finnland gibt es ein BicMac-Menü – mit zweitem BigMac. Wer viel trinkt muss eben auch viel essen. Das ganze gibt es für stattliche 10,50€ -  aber wenn das Bier 5,50€ kostet, macht das wohl den Kohl auch nicht mehr fett.

Auf dem Rückweg zum Wohnheim fand dann ein hier nicht weiter genannter Kumpane etwas, was mehr Spaß machen kann, als es dem ersten Anschein nach vermuten lässt- eine freilaufende Schubkarre. Sie stand da allein an einer Ecke und ebenjener Kumpane konnte sie nach kurzer Pirsch problemlos einfangen. Schnell wurden Pläne gemacht, was man mit solch einem famosen Gerät alles anstellen könne – Transport von Lebensmitteln, Transport von Menschen (der Versuch zeigte, dass sie dafür nicht geeignet ist) und vermutlich vieles mehr. Ich fühlte mich ständig beobachtet und vermaledeit von der Umgebung. Schließlich ist Finnland ja eines der Länder mit der geringsten Kriminalitätsrate weltweit. Aber dann ging bei dieser wundervollen Schubkarre leider die Achse kaputt und mein Kumpane entschied sich, sie stehenzulassen. Irgendwie schon eine Metapher für die Mentalität in unserer Wegwerfgesellschaft – sobald etwas nicht mehr funktioniert oder nicht mehr up to date ist, wird es aussortiert. So tat mir die Schubkarre erst etwas leid, aber dann fiel mir auf, dass es in Tampere unglaublich viele Second-Hand Läden gibt (kein Wunder bei den Preisen) und bestimmt hat sie schon bald ein schönes neues Zuhause gefunden.

Und so endete der Abend damit, dass wir eine Schubkarre zurück in die Freiheit entließen und damit die wilde Schubkarrenpopulation in Tampere weiter wachsen kann. Ein schönes Ende für einen interessanten Abend. Lehr- und aufschlussreich war er ja allemal.

Mit einem Augenzwinkern und völlig vorurteilsfrei entlasse ich euch, liebe Leser, nun in die Nacht. Demnächst mehr – von republikanischen Portugiesen, die auf Sarah Palin stehen, was andere Deutsche hier so in einer Ein-Euro-Bar erlebt haben, das Essen in finnischen Mensen und was die Welt sonst noch so bewegt. Und wer all das nicht glaubt – der muss eben selber herkommen und es sich anschauen.

Viele Grüße aus der Tuomiokirkonkatu 19, Bett B, dass heute mal von mir in voller Breite genutzt wird, weil Alex in Helsinki ist.

Christopher

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