Lange Zeit ist es hier viel zu ruhig gewesen! Das lag natürlich vor allem an so schönen Dingen wie Hausarbeiten und Ähnlichem. Aber nun wird es mal wieder Zeit, meine Eindrücke aus Tampere zu schildern.
Aus der Überschrift kann man ja schon entnehmen, dass es sehr positive sind. Ja, ich mag die Finnen. Meine ersten Wochen waren ja geprägt von Erasmus-Anfangspartys und da habe ich vor allem das betrunkene finnische Ich kennengelernt. In den letzten Wochen, als der Unialltag begann, habe ich das andere, professionelle Ich kennengelernt. Ich mag dieses Ich, denn Finnen – Achtung Deutsche, besonders Berliner – nehmen Rücksicht! Das ist angenehm und manchmal fast schon ungewohnt. Diese unglaubliche tolle Idee des Jedermanns-Recht in den nordischen Ländern spiegelt sich auch im Verhalten wider.
Ein Beispiel? – Arbeiten in der Bibliothek. Erstmal muss man sagen, dass die sehr cool ist. Super eingerichtet, schick, noch besser ausgestattet. Und nichts ist überwacht. Wer es drauf anlegt, könnte sicher das eine oder andere Buch mitnehmen. So etwas würde den Finnen aber, glaube ich, niemals in den Sinn kommen – ein völlig abwegiger Gedanke, denn Bibliotheksbücher sind ja Gemeinschaftsgüter. Und so werden sie dann auch gut behandelt und gepflegt. Vor allem aber ist die Bibliothek leise. Überall gibt es schöne Laptop-Arbeitsplätze, die auch stark frequentiert sind. Und keiner sagt was! Das wird nicht mit der besten Freundin leise getratscht, halbstill vor sich hingeflucht. Ruhe. Toll. Nun überrascht das ja vielleicht viele nicht, denn Finnen gelten ja von je her als still. Aber was macht der Finne in einer Bibliothek mit dem heißgeliebten Mobiltelefon? Pragmatisch und dennoch designorientiert wie er ist richtet er – klar – Handyräume ein. Kleine Kabuffs mit einem Stuhl und einen Tisch, von einer sehr dicken Tür vom restlichen Lesesaal abgetrennt. Super Idee. Vielleicht kann man da auch reingehen, um einfach mal laut zu schreien, wenn die Arbeit gar so frustrierend wird. Blüht mir sicher auch bald.
Toll übrigens auch, was es so für Bücher da gibt. Natürlich sehr viele englischsprachige aber auch andere fremdsprachige Bücher, darunter manche Perle. Mein Favorit momentan: 30 Jahre Außenpolitik der DDR – Verlag Volk und Wissen, Berlin, 1979. Wenn ich mal Zeit habe…
Als ich meine Bücher dann ausgeliehen hatte, was selbstredend in Selbstbedienung am Automaten passiert, brauchte ich ja nun Stärkung. Also Essen. Ich schlenderte die paar Meter ins Haupthaus rüber. Nicht, dass das Bibliotheksgebäude Linna nicht auch ein Restaurant hätte – aber das wird von Sodexho betrieben und deswegen hier gerade boykottiert. Und da ich ja kein Streikbrecher sein will… Warum sie boykottiert werden konnte ich noch nicht genau rausfinden. Sakari sagte, es wäre wohl etwas mit niedrigen Löhnen in Nahost, oder so. Hm, die alte Globalisierungsdebatte also.
Überhaupt fällt es auf, dass die Mensa hier Restaurant heißt. Und das nicht ohne Grund. Zumal hier auch alle Restaurants (fünf gibt es glaube ich an meinem Campus) von anderen großen Catering-Firmen betrieben werden. Außer zweien, die vom, naja, deutsche Entsprechung wäre vermutlich Studentenwerk betrieben werden. Und da gehen alle am liebsten hin. Ich auch. Es gibt mindestens drei günstige Menüs am Tag, zusätzlich könnte man sich noch einen Burger braten lassen oder was im Wok zubereiten. Ja, zubereiten lassen. Vor Ort. Live. Frisch. Ich habe es gesehen und auch nur deshalb geglaubt.
Also an die Schlange angestellt, Tablett geschnappt, zwei Gläser raufgestellt. Ein Stück weitergerückt, kleinen Teller geschnappt und Salat zusammengestellt. Und es ist egal wieviel – Hauptsache auf dem Teller. Weiterrutschen. Großer Teller mit Hauptgericht. Gestern gab es leckeren Fisch, dessen Namen ich nicht kannte und schon wieder vergessen habe, Paprikakartoffeln und Remoulade. Lecker, ganz exzellent. Voranschreiten. Getränke in die zwei Gläser füllen. Ich nehme meistens Wasser. Manchmal auch Beerensaft. Die Finnen trinken sehr gerne Milch zum Essen, besonders gerne Sauermilch. Da habe ich mich noch nicht rangetraut. An das selbstgemachte (alkoholfreie) Ale hingegen schon – war ein Fehler, wie auch alle anderen Erasmusstudenten herausfanden. Weiterrutschen. Brot fassen. Drei Scheiben gibt es für jeden. Und dabei ist so eine doppelte Scheibe Finnbrot (klar, dass es das hier auch gibt) nur eine. Dann stehen da noch verschiedenste Formen von Butter, Margarine, Schmalz und Ähnlichem rum. Dann an die Kasse, wo auch das Besteck ist. Und dann der Hammer beim Preis: 2,60€!
Dafür gibt es also Salat, Hauptgericht, Getränke, Brot. In Finnland. Ganz famos finde ich das, alle anderen Internationals und die Finnen selber. Und das Schärfste ist ja – das Essen schmeckt vorzüglich. Ganz ernsthaft.
Und wenn nicht, nimmt man sich halt ein Fläschen Tabasco oder so mit an den Platz. Und da bin ich wieder bei meinem Thema. Auch hier ist alles Selbstbedienung. Und trotzdem geht alles gesittet und ordentlich zu. Auch meine Salatberge sind nicht mehr so groß, ich nehme nur zwei Scheiben Brot. Die Teller werden sich nicht so vollgeknallt, daher auch kaum Essen weggeworfen. Die Tische sehen vernünftig aus. Sogar die Tabascoflaschen werden wieder zurückgestellt. Und das Ambiente sieht auch eher wie ein Restaurant aus, als wie eine Mensa. Ich bin begeistert und möchte sowas für Zuhause auch.
Also mehr Mensen und die dann privatisieren um Wettbewerb und damit Qualität herbeizuführen? Vielleicht stimmt es ja doch, was die VWL mir vermittelt hat. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg und ich hoffentlich kein Student mehr. In finnische Mensen kann man ja auch als Nicht-Student. Dann zahlt man allerdings knapp 5€ – Immernoch ein Hammerpreis.
In diesem Sinne: Guten Appetit.
In der Tuomiokirkonkatu 19, Bett B gibt es jetzt Frühstück und dann Hausarbeitsrecherche.
Einen schönen Samstag noch!
Chris
kannst du mir bitte was von diesem unglaublich leckeren brot mitbringen? dieses weiche, dunkle, leicht süßliche…? du weißt schon. davon hätte ich mich in deiner mensa nur ernähren können…:-)
viel erfolg bei der recherche
bisous
alex
Lieber Chris,
eigendlich wollte ich heute in den botanischen Garten, weil mir in Genf aufgefallen war, dass man umsonst im warmen Tropenhaus lernen könnte statt immer nur im Büro – das wird von mir jetzt auch wieder fleißig frequentiert, wobei es bei uns auch einen Tür-offen Politik gibt und ich es daher in der Bib vielleicht ruhiger hätte. Jedenfalls bin ich bei deinem Blog hängen geblieben und hab mich auch köstlich amüsiert bis sich in jeden 3. Statz das Wort ‘Hausarbeit’ eingeschlichen hat – jetzt habe ich statt Ablenkung ein schlechtes Gewissen..vielleicht hattest du eines beim schreiben..bitte erspar mir das in Zukunft – dafür lese ich dann auch deine Ergüsse über die Principlal-Agent Theory wenn du magst.
Ach und übrigens: unsere Mensa is weder so toll noch so billig aber das Institut sponsort einem Lunch, wenn man währendessen arbeitet ,also ein Colloquium macht – heißt ‘brown bag event’ – diese Woche gab es Sushi.
Liebe Grüße aus Zürich!
Hi Chris, tolle News … verfolge den Blog. Kannst Du bei Gelegenheit mal deine t-online Mails abrufen. Liebe Grüße & Schlaf Schön Janny