Ich habe es endlich geschafft einmal ins Klubbi zu gehen. Nun werden sich die geneigten Leser fragen, was das Klubbi ist. Nun, es ist – wer hätte es gedacht – ein Club…so mit zum Tanzen und so. Nicht, dass man es als Erasmus-Student, egal wie ernsthaft man studiert, nicht schon mal in eine Disco geschafft hätte. Aber das Klubbi ist anders. Und zwar in jeglicher Hinsicht und illustriert ein wenig wie die Finnen so sind. Im Vergleich zu Etablisments wie dem LoveHotel [sic!], Onnela und Saha, gibt es dort keine Top40-Charthits, die von immer der gleichen CD kommen. Überhaupt ist es hier in Tampere so, dass in allen Geschäften immer die gleiche Musik läuft. Geht man mal zu H&M und danach in den benachbarten Laden, läuft das gleiche Lied. Abends im LoveHotel wird man es wieder hören. Das führt bei mir zu einer phänomenalen Ablehnung sämtlicher Songs von den BlackEyedPeas…auch wenn ich sie mal ganz gut fand…aber dauernde Bestrahlung führt zu Ablehnung, so ist es nun einmal.
Auch werden in genannten Clubs jede Woche die gleichen Songs in der gleichen Reihenfolge gespielt, dafür aber gottseidank immer mit einer schönen Pause statt nerviger Übergänge zwischen den Liedern. Es lässt mich zwar ein wenig an den Fertigkeiten der Plattenunterhalter zweifeln, verhindert so aber wenigstens, dass so etwas wie Stimmung aufkommt – das wäre ja noch schöner!
Was ist nun anders im Klubbi? Ersteinmal gibt es dort Finnen. So richtige ,zum Anfassen. Die sieht man auch woanders, aber im Klubbi sind eigentlich nur Finnen. Das ist gut, denn nach guten zwei Monaten, in denen man immer die gleichen Erasmen gesehen hat, freut man sich auch mal über neue Gesichter. Dann läuft dort andere Musik. Normalerweise eher so Indie-lastige Musik (viele Grüße diesbezüglich an Anna), vor allem aber immer handgemachte Musik oder Elektro. Eigentlich finde ich das sehr angenehm. Als wir da waren, gab es auch Elektro, aber in Zeitlupe. Man wusste nicht so richtig, ob das schon ChillOut-Musik oder Lounge-Musik ist, oder ob man noch dazu tanzen soll. Das sorgte bei besonders langsamen Nummern für einen gewissen morbiden Charme, der dem verbreiteten Vorurteil über Finnen diesbezüglich wohl weiteren Vortrieb leistet. Dafür haben wir festgestellt, dass es in Finnland offensichtlich andere Lärmschutzbestimmungen in Tanzlokalen gibt. “Alter Finne!” – möchte man da sagen. Vielleicht gehe ich dort doch lieber nicht hin, wenn mal eine von diesen sagenumwobenen finnischen Hardrockbands spielt. Das wird dann einfach zu laut.
Es war einfach toll zu beobachten, wie der Finne reagiert, wenn er zu langsamer und zu lauter Musik ausgesetzt ist, wenn er sich nicht von Austauschstudenten beobachtet fühlt – in seinem natürlichen Habitat quasi. Und es hat mir gefallen! Im Klubbi prallen nämlich so ziemlich alle Subkulturen aufeinander, die ich mir so vorstellen kann – und noch etwa zehn weitere, wo ich keine Ahnung habe, was die eigentlich so umtreibt. Und das Schöne ist, sie kommen alle mit einander aus! Außerdem gab es eine angenehme Atmosphäre in der es zwar um sehen und gesehen werden ging, aber sich andererseits niemand eine Platte gemacht hat, wie man aussieht. Punks, Goths, Schwule, Lesben, Transgender, Hardrocker tanzten neben straight-edgern, Menschen in langen Gewändern, Dreadlock-Trägern, Hippies und “Normalos”. Da sage noch einmal jemand, Musik hätte kein verbindendes Moment. Und so sind sie also die Finnen. Tolerant. Überaus tolerant. Sie mischen sich einfach nicht in Dinge ein, mit denen sie nichts zu schaffen haben. Am Anfang meines Aufenthalts empfand ich das als eine Art Passivität – mittlerweile finde ich es sehr angenehm und wünschte mir ein wenig von dieser Atmosphäre auch in Berlin. Und wünsche den Finnen dafür ein wenig mehr von der Lebensfreude und Durchgeknalltheit, wie es sie in der Bundeshauptstadt im Überfluss gibt. Platonische Mäßigung ist hier wohl das Zauberwort.
Klubbi ist jedenfalls toll.
Ansonsten habe ich gestern meinen dritten Monat in Tampere begonnen und die Halbzeit ist auch schon überschritten. Es ging sehr schnell. Zu schnell möchte ich nicht sagen. Es ist toll hier, mal wieder was anderes kennenzulernen, ich habe unglaublich tolle Menschen kennengelernt – aber wie in Amerika auch, habe ich dadurch wieder einmal erfahren, was ich an den vermeintlichen deutschen Tugenden, der Familie und den Freunden und an Berlin habe. Vielen Dank dafür, liebe Europäische Union – diese Erasmus-Sache ist ganz famos.
Morgen gehts wieder zum Badminton spielen. Um neun stehe ich mit Martin, Inken und Jonas auf dem Court. Es wird ein Fest. Um die Dominanz zu bewahren, muss ich mich jetzt ausschlafen.
In diesem Sinne – viele Grüße aus dem mittlerweile sehr kalten Tampere
Aus der Tuomiokirkonkatu 19, 509B berichtete für Sie
Christopher
Ja, viele Grüße diesbezüglich zurück!, auch wenn es vielleicht ein Grund für dich war, erst jetzt in den Club mit dem famos nach Kureinrichtung klingenen Namen zu gehen. Ich hingegen werde heute das erste Mal zu Elektro abhotten, es hat lange Suche gekostet, so etwas überhaupt zu finden. Man ist hier ja nur von r´n´b und ähnlichem Gejaule umgeben. Mal sehn, wie das ausartet und ob es auch einen begeisterten Bericht wert ist.
Sonnenwetter, ätsch
Anna