Es gibt 1.000 gute Gründe…

… Tagebücher von anderen Menschen zu lesen. Anteilnahme am Schicksal eines Fremden, pures Interesse oder Neugier, auf dem Laufenden bleiben wollen mit seinen Lieben, die sich in der Weltgeschichte rumtreiben und noch so viel mehr.

Was auch immer den geneigten Leser dazu treibt, meine kleinen Geschichten aus Tampere zu lesen…vielen Dank dafür, gestern gab es den 1.000sten view hier. Motivation genug, weiter zu machen…und der nächste Artikel ist schon fast fertig. Man darf gespannt sein…es geht um kulinarische Köstlichkeiten der Erasmus-Gemeinde…

In diesem Sinne,

Grüße aus der wie leergefegten Tuomiokirkonkatu 19, 509B

Chris

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Klubbi

Ich habe es endlich geschafft einmal ins Klubbi zu gehen. Nun werden sich die geneigten Leser fragen, was das Klubbi ist. Nun, es ist  – wer hätte es gedacht – ein Club…so mit zum Tanzen und so. Nicht, dass man es als Erasmus-Student, egal wie ernsthaft man studiert, nicht schon mal in eine Disco geschafft hätte. Aber das Klubbi ist anders. Und zwar in jeglicher Hinsicht und illustriert ein wenig wie die Finnen so sind. Im Vergleich zu Etablisments wie dem LoveHotel [sic!], Onnela und Saha, gibt es dort keine Top40-Charthits, die von immer der gleichen CD kommen. Überhaupt ist es hier in Tampere so, dass in allen Geschäften immer die gleiche Musik läuft. Geht man mal zu H&M und danach in den benachbarten Laden, läuft das gleiche Lied. Abends im LoveHotel wird man es wieder hören. Das führt bei mir zu einer phänomenalen Ablehnung sämtlicher Songs von den BlackEyedPeas…auch wenn ich sie mal ganz gut fand…aber dauernde Bestrahlung führt zu Ablehnung, so ist es nun einmal.

Auch werden in genannten Clubs jede Woche die gleichen Songs in der gleichen Reihenfolge gespielt, dafür aber gottseidank immer mit einer schönen Pause statt nerviger Übergänge zwischen den Liedern. Es lässt mich zwar ein wenig an den Fertigkeiten der Plattenunterhalter zweifeln, verhindert so aber wenigstens, dass so etwas wie Stimmung aufkommt – das wäre ja noch schöner!

Was ist nun anders im Klubbi? Ersteinmal gibt es dort Finnen. So richtige ,zum Anfassen. Die sieht man auch woanders, aber im Klubbi sind eigentlich nur Finnen. Das ist gut, denn nach guten zwei Monaten, in denen man immer die gleichen Erasmen gesehen hat, freut man sich auch mal über neue Gesichter. Dann läuft dort andere Musik. Normalerweise eher so Indie-lastige Musik (viele Grüße diesbezüglich an Anna), vor allem aber immer handgemachte Musik oder Elektro. Eigentlich finde ich das sehr angenehm. Als wir da waren, gab es auch Elektro, aber in Zeitlupe. Man wusste nicht so richtig, ob das schon ChillOut-Musik oder Lounge-Musik ist, oder ob man noch dazu tanzen soll. Das sorgte bei besonders langsamen Nummern für einen gewissen morbiden Charme, der dem verbreiteten Vorurteil über Finnen diesbezüglich wohl weiteren Vortrieb leistet. Dafür haben wir festgestellt, dass es in Finnland offensichtlich andere Lärmschutzbestimmungen in Tanzlokalen gibt. „Alter Finne!“ – möchte man da sagen. Vielleicht gehe ich dort doch lieber nicht hin, wenn mal eine von diesen sagenumwobenen finnischen Hardrockbands spielt. Das wird dann einfach zu laut.

Es war einfach toll zu beobachten, wie der Finne reagiert, wenn er zu langsamer und zu lauter Musik ausgesetzt ist, wenn er sich nicht von Austauschstudenten beobachtet fühlt – in seinem natürlichen Habitat quasi. Und es hat mir gefallen! Im Klubbi prallen nämlich so ziemlich alle Subkulturen aufeinander, die ich mir so vorstellen kann – und noch etwa zehn weitere, wo ich keine Ahnung habe, was die eigentlich so umtreibt. Und das Schöne ist, sie kommen alle mit einander aus! Außerdem gab es eine angenehme Atmosphäre in der es zwar um sehen und gesehen werden ging, aber sich andererseits niemand eine Platte gemacht hat, wie man aussieht. Punks, Goths, Schwule, Lesben, Transgender, Hardrocker tanzten neben straight-edgern, Menschen in langen Gewändern, Dreadlock-Trägern, Hippies und „Normalos“. Da sage noch einmal jemand, Musik hätte kein verbindendes Moment. Und so sind sie also die Finnen. Tolerant. Überaus tolerant. Sie mischen sich einfach nicht in Dinge ein, mit denen sie nichts zu schaffen haben. Am Anfang meines Aufenthalts empfand ich das als eine Art Passivität – mittlerweile finde ich es sehr angenehm und wünschte mir ein wenig von dieser Atmosphäre auch in Berlin. Und wünsche den Finnen dafür ein wenig mehr von der Lebensfreude und Durchgeknalltheit, wie es sie in der Bundeshauptstadt im Überfluss gibt. Platonische Mäßigung ist hier wohl das Zauberwort.

Klubbi ist jedenfalls toll.

Ansonsten habe ich gestern meinen dritten Monat in Tampere begonnen und die Halbzeit ist auch schon überschritten. Es ging sehr schnell. Zu schnell möchte ich nicht sagen. Es ist toll hier, mal wieder was anderes kennenzulernen, ich habe unglaublich tolle Menschen kennengelernt – aber wie in Amerika auch, habe ich dadurch wieder einmal erfahren, was ich an den vermeintlichen deutschen Tugenden, der Familie und den Freunden und an Berlin habe. Vielen Dank dafür, liebe Europäische Union – diese Erasmus-Sache ist ganz famos.

Morgen gehts wieder zum Badminton spielen. Um neun stehe ich mit Martin, Inken und Jonas auf dem Court. Es wird ein Fest. Um die Dominanz zu bewahren, muss ich mich jetzt ausschlafen.

In diesem Sinne – viele Grüße aus dem mittlerweile sehr kalten Tampere

Aus der Tuomiokirkonkatu 19, 509B berichtete für Sie

Christopher

Hagel in Finnland

Gestern hat es gehagelt. Ganz ehrlich. Nicht so ein lächerlicher Graupelschauer, den man mir in Berlin immer als den schlimmsten Hagelsturm seit Menschengedenken verkaufen will – nein, schöne, kleine, wohlgeformte harte Hagelkörner. Klasse. Ich habe mir meine Polarwinterjacke angezogen und musste erstmal rausgehen und mir das genauer betrachten. Ganz und gar herrlich. Die Körner trommelten Stakkato auf meine Kapuze aber geschmolzen ist nichts, also wurde man nicht mal naß. (Für alle, die sich jetzt wundern, ob ich eigentlich mittlerweile ’ne Vollscheibe habe – ich musste sowieso einkaufen…renne ja nicht einfach so in den Hagel!)

Passte auch ganz gut zur Stimmung gestern, die hatte es mir nämlich gewaltig verhagelt. (Pun intended) Hausarbeit lief nicht und vor allem lief auch die Heizung immernoch nicht. Eine aufmunternde Email von meinem Dozenten und blubbernde Geräusche von der Heizung später sah die Welt schon wieder anders aus. So ist das mit reinigenden Gewittern und Hagelstürmen. Danke auch an alle, die mir Mut zugesprochen haben. Besonders natürlich an meine Lieblings-Soze :D! So, und jetzt werde ich weiter schreiben an dem Meisterstück. Und wenn man mit Neorealismus und neoliberalem Institutionalismus nicht erklären kann, warum die Krieg führen, dann ist eben die Theorie schwach – und ich mache sie dafür platt. Haha!

Finnland ist übrigens ein durch und durch großartiges Land. Der erste Oktober scheint hier sowas wie Winteranfang zu sein. Deswegen hat die Minigolf-Anlage nicht mehr auf. Das wäre an sich ja schon schlimm genug. Aber am 1. Oktober wird auch jährlich die Alkoholsteuer angehoben. Hehe. Jetzt ist der Alkohol also hier noch teurer. Obs was bringt? Bezweifle ich stark. Irgendwie hat dieses Volk das System mit prohibitiver Preissetzung nicht so durchschaut. Aber es gibt natürlich auch gute Sachen am ersten Oktober: Die Mehrwertsteuer wurde nämlich auch gesenkt. Mein Essen in der Mensa kostet jetzt statt 2,60€ nur noch 2,55€! Phänomenal. Von den gesparten fünf Cent täglich könnte ich mir – grob überschlagen – vermutlich irgendwann im Jahr 2017 eine Flasche Wein kaufen. Aber nur vor dem ersten Oktober. Obwohl dann ja auch das Essen wieder teurer wäre. Verflixt!

Schon ein interessantes Land. Aber es macht Spaß hier zu sein.

Beste Grüße aus der Tuomiokirkonkatu 19,

Christopher

Ein Hoch auf die nordische Kultur… und die finnische Mensa!

Lange Zeit ist es hier viel zu ruhig gewesen! Das lag natürlich vor allem an so schönen Dingen wie Hausarbeiten und Ähnlichem. Aber nun wird es mal wieder Zeit, meine Eindrücke aus Tampere zu schildern.

Aus der Überschrift kann man ja schon entnehmen, dass es sehr positive sind. Ja, ich mag die Finnen. Meine ersten Wochen waren ja geprägt von Erasmus-Anfangspartys und da habe ich vor allem das betrunkene finnische Ich kennengelernt. In den letzten Wochen, als der Unialltag begann, habe ich das andere, professionelle Ich kennengelernt. Ich mag dieses Ich, denn Finnen – Achtung Deutsche, besonders Berliner – nehmen Rücksicht! Das ist  angenehm und manchmal fast schon ungewohnt. Diese unglaubliche tolle Idee des Jedermanns-Recht in den nordischen Ländern spiegelt sich auch im Verhalten wider.

Ein Beispiel? – Arbeiten in der Bibliothek. Erstmal muss man sagen, dass die sehr cool ist. Super eingerichtet, schick, noch besser ausgestattet. Und nichts ist überwacht. Wer es drauf anlegt, könnte sicher das eine oder andere Buch mitnehmen. So etwas würde den Finnen aber, glaube ich, niemals in den Sinn kommen – ein völlig abwegiger Gedanke, denn Bibliotheksbücher sind ja Gemeinschaftsgüter. Und so werden sie dann auch gut behandelt und gepflegt. Vor allem aber ist die Bibliothek leise. Überall gibt es schöne Laptop-Arbeitsplätze, die auch stark frequentiert sind. Und keiner sagt was! Das wird nicht mit der besten Freundin leise getratscht, halbstill vor sich hingeflucht. Ruhe. Toll. Nun überrascht das ja vielleicht viele nicht, denn Finnen gelten ja von je her als still. Aber was macht der Finne in einer Bibliothek mit dem heißgeliebten Mobiltelefon? Pragmatisch und dennoch designorientiert wie er ist richtet er – klar – Handyräume ein. Kleine Kabuffs mit einem Stuhl und einen Tisch, von einer sehr dicken Tür vom restlichen Lesesaal abgetrennt. Super Idee. Vielleicht kann man da auch reingehen, um einfach mal laut zu schreien, wenn die Arbeit gar so frustrierend wird. Blüht mir sicher auch bald.

Toll übrigens auch, was es so für Bücher da gibt. Natürlich sehr viele englischsprachige aber auch andere fremdsprachige Bücher, darunter manche Perle. Mein Favorit momentan: 30 Jahre Außenpolitik der DDR – Verlag Volk und Wissen, Berlin, 1979. Wenn ich mal Zeit habe…

Als ich meine Bücher dann ausgeliehen hatte, was selbstredend in Selbstbedienung am Automaten passiert, brauchte ich ja nun Stärkung. Also Essen. Ich schlenderte die paar Meter ins Haupthaus rüber. Nicht, dass das Bibliotheksgebäude Linna nicht auch ein Restaurant hätte – aber das wird von Sodexho betrieben und deswegen hier gerade boykottiert. Und da ich ja kein Streikbrecher sein will… Warum sie boykottiert werden konnte ich noch nicht genau rausfinden. Sakari sagte, es wäre wohl etwas mit niedrigen Löhnen in Nahost, oder so. Hm, die alte Globalisierungsdebatte also.

Überhaupt fällt es auf, dass die Mensa hier Restaurant heißt. Und das nicht ohne Grund. Zumal hier auch alle Restaurants (fünf gibt es glaube ich an meinem Campus) von anderen großen Catering-Firmen betrieben werden. Außer zweien, die vom, naja, deutsche Entsprechung wäre vermutlich Studentenwerk betrieben werden. Und da gehen alle am liebsten hin. Ich auch. Es gibt mindestens drei günstige Menüs am Tag, zusätzlich könnte man sich noch einen Burger braten lassen oder was im Wok zubereiten. Ja, zubereiten lassen. Vor Ort. Live. Frisch. Ich habe es gesehen und auch nur deshalb geglaubt.

Also an die Schlange angestellt, Tablett geschnappt, zwei Gläser raufgestellt. Ein Stück weitergerückt, kleinen Teller geschnappt und Salat zusammengestellt. Und es ist egal wieviel – Hauptsache auf dem Teller. Weiterrutschen. Großer Teller mit Hauptgericht. Gestern gab es leckeren Fisch, dessen Namen ich nicht kannte und schon wieder vergessen habe, Paprikakartoffeln und Remoulade. Lecker, ganz exzellent. Voranschreiten. Getränke in die zwei Gläser füllen. Ich nehme meistens Wasser. Manchmal auch Beerensaft. Die Finnen trinken sehr gerne Milch zum Essen, besonders gerne Sauermilch. Da habe ich mich noch nicht rangetraut. An das selbstgemachte (alkoholfreie) Ale hingegen schon – war ein Fehler, wie auch alle anderen Erasmusstudenten herausfanden. Weiterrutschen. Brot fassen. Drei Scheiben gibt es für jeden. Und dabei ist so eine doppelte Scheibe Finnbrot (klar, dass es das hier auch gibt) nur eine. Dann stehen da noch verschiedenste Formen von Butter, Margarine, Schmalz und Ähnlichem rum. Dann an die Kasse, wo auch das Besteck ist. Und dann der Hammer beim Preis: 2,60€!

Dafür gibt es also Salat, Hauptgericht, Getränke, Brot. In Finnland. Ganz famos finde ich das, alle anderen Internationals und die Finnen selber. Und das Schärfste ist ja – das Essen schmeckt vorzüglich. Ganz ernsthaft.

Und wenn nicht, nimmt man sich halt ein Fläschen Tabasco oder so mit an den Platz. Und da bin ich wieder bei meinem Thema. Auch hier ist alles Selbstbedienung. Und trotzdem geht alles gesittet und ordentlich zu. Auch meine Salatberge sind nicht mehr so groß, ich nehme nur zwei Scheiben Brot. Die Teller werden sich nicht so vollgeknallt, daher auch kaum Essen weggeworfen. Die Tische sehen vernünftig aus. Sogar die Tabascoflaschen werden wieder zurückgestellt. Und das Ambiente sieht auch eher wie ein Restaurant aus, als wie eine Mensa. Ich bin begeistert und möchte sowas für Zuhause auch.

Also mehr Mensen und die dann privatisieren um Wettbewerb und damit Qualität herbeizuführen? Vielleicht stimmt es ja doch, was die VWL mir vermittelt hat. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg und ich hoffentlich kein Student mehr. In finnische Mensen kann man ja auch als Nicht-Student. Dann zahlt man allerdings knapp 5€ – Immernoch ein Hammerpreis.

In diesem Sinne: Guten Appetit.

In der Tuomiokirkonkatu 19, Bett B gibt es jetzt Frühstück und dann Hausarbeitsrecherche.

Einen schönen Samstag noch!

Chris

Gedanken zum Abend

Meine ersten beiden Unitage habe ich also überstanden. War jetzt auch nicht so schwer, schließlich war es nur jeweils ein Kurs, der bewältigt werden musste. Donnerstag habe ich beide Kurse wieder und dann ist endlich Wochenende. Schließlich wollen die Hausarbeiten ja auch noch ihre Streicheleinheiten bekommen.

Uni ist übrigens sehr cool hier – besonders die technische Ausstattung. Beide Kurse wurden via Videoübertragung nach Tallin und im ersten Fall noch an eine andere finnische Uni gestreamt. Die Beamer funktionieren hier. Die Dozenten können mit PowerPoint umgehen und gestalten ihre Slides vernünftig. Außerdem haben sie diese coolen Teile, die Blätter abfilmen…also quasi OHP/Polylux-Ersatz der keine Folien benötigt sondern einfach so funktioniert mit jedem beliebigen Blatt. Und als wäre das noch nicht genug, wird das nicht einfach an die Wand geworfen sondern ist mit einem der beiden (!!) Beamer im Raum verbunden. Heidewitzka möchte man da sagen. Er lässt sich nicht lumpen, der Finne. Achja, da hätte ich beinahe den totalen Knüller vergessen. An der Tür zum Hörsaal steht ein Schild, das da verkündet, dass man sein Hörgerät doch bitte auf Schaltung „T“ stellen möge. Live-Stream ins Ohr?! Potzblitz! Wer mich also besuchen kommt, bitte das Hörgerät mitbringen, denn das würde mich schon mal interessieren.

Ansonsten hab ich heute das erste mal finnische Studenten in Aktion gesehen. Vor einer der vielen Mensen – die, von der ich spreche, wird voon Sodexho betrieben – saßen einige langhaarige Menschen und hatten einen Tisch mit Milch, Brot und Saft aufgebaut. Davor stand ein Schild, dass selbst mit meinen begrenzten Finnischkenntnissen etwas heißen musste wie „Boykottiert Sodexho“. Hm, nun weiß ich nicht worum es dabei geht – würde aber mal auf Globalisierungskritik im weiteren Sinne tippen. Jedenfalls kam dann ein netter Herr mit Sodexho-Logo auf dem Jackett an und diskutierte offen mit den Herrschaften auf dem Boden. Leise, zivilisiert. Ob sie zu einer Übereinkunft gekommen sind, vermag ich nicht zu sagen, denn ich wollte zurück ins traute Heim. Wo die Hausarbeit wartet (ächz). Und das Fitnessstudio (doppelächz). Einkaufen war ich auch. Und Wäsche gewaschen haben wir. Jetzt noch essen, letzte Sachen aus dem Rucksack auspacken und dann wieder Hausarbeit.

Ja, da ist er also endlich. Hat ja auch ganz schön lange auf sich warten lassen – der Alltag.

Bevor ich für heute Schluss mache, verkünde ich noch, dass ich zwei Kurse habe, die von Tapio Raunio gegeben werden, habe. Und unter vergleichenden Politikwissenschaftlern ist der ja schon ne ganz schön große Nummer. Und nett ist er, wirklich nett. Leider hat er mir in meiner ersten Sitzung dieser Vorlesung schon total viel Input gegeben und leider auch noch ganz viel, was für meine Hausarbeit relevant sein könnte – argh. Jetzt hab ich noch mehr Sachen, die da mit reinkönnten. Naja, was solls, gekürzt wird zum Schluss. Aber es ist schon verlockend, in der Präsidentialismus-Parlamentarismus-Debatte dem ersteren den Gnadenstoß mit (Trommelwirbel) der Principal-Agent-Theorie zu geben. Ganz famos wird das. Wenn ich es nicht wegkürze. Wir werden sehen. Und wenn ich richtig gut bin morgen, werde ich schnell fertig und bearbeite noch ein paar Bilder aus Lappland, damit ich hier endlich davon berichten kann.

Ich sage nur soviel: Rentiere, Regen, Oktoberfest auf finnisch, tolle Landschaft. Na, wenn das jetzt aber mal kein Grund ist, sich bald wieder hier einzuklinken, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. In diesem Sinne wünsche ich erstmal einen schönen Abend.

Aus der Tuomiokirkonkatu berichtete mehr oder minder live für sie –

Christopher

Wort des Tages 6

Wenn man, wie ich gerade, Hausarbeiten schreibt und nebenbei für ein langes Wochenende in Lappland plant und packt braucht man – klar – Süßigkeiten.

Und wenn man vor lauter Rauch, der vom Kopf aufsteigt, und Nervosität etwas wirklich leckeres, süßes und klebriges sucht, dann gibt es kaum etwas besseres als einen Pfannkuchen – oder eben Berliner, für Menschen, die nicht aus Berlin stammen.

Wie heißt nun das Gebäck, das hier mit quietsch- rosarotem Zuckerguß angeboten wird, auf Finnisch?! Ist doch logisch: Berliininmunki

Der Finne und ich, Teil 2

Bekanntlich wird ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Man sieht auch manchmal ein Licht am Ende des Tunnels oder der Nebel lichtet sich. Möchte man diese Metaphern auf meinen gestrigen und dem folgend auf meinen heutigen Gemütszustand anwenden, dann ist das Essen gefroren, im Tunnel scheint eine MegaWatt-Lampe und der Tag ist klar wie Kloßbrühe.

Ja, ich war heute in der Uni und es ist alles gar nicht so schlimm, wie ich gestern dachte. Ich werde also wirklich Bookexams machen und den Rest einfach als ganz normale Kurse, für die man sich auch nicht anmeldet, sondern einfach zur ersten Stunde hingeht. Toll, das ist zwar immernoch verwirrend aber äußerst liberal.

Das bringt mich zu den Finnen. Der Finne ist seeeehr liberal und äußerst freundlich. Im Zusammenhang mit Universitätspersonal fallen diese Worte in Deutschland für gewöhnlich nicht. Und das verwirrt den deutschen Studenten dann noch mehr.

Alex und ich tingelten also heute zur Uni – ja, wir sind die ganzen viereinhalb Minuten ganz alleine gelaufen – und Deutscher der ich bin, wenn mir was nicht passt oder ich mich unfair behandelt fühle, ging ich dorthin mit viel Brass. Da ich noch nicht wusste, wo die Menschen sitzen, bei denen ich Dampf ablassen wollte, musste ich erstmal ins International Office. Dort wurde mir schon mit entwaffnender Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft etwas der Wind aus den Segeln genommen. Aber ich hatte noch genug übrig. Die Dame, an die ich mich wenden solle, sitzt im Linna-Building. Linna heißt auf Finnisch Burg oder Schloss und ist die riesige (ja, das meine ich genau so) Bibliothek mit angeschlossenen Unterrichts- und Verwaltungsräumen. Dort musste ich in die sechste Etage fahren und mich durch einige Korridore schlängeln. Das war sehr ärgerlich für mich, denn dort fiel mir etwas sehr interessantes auf. Finnen schließen ihre Bürotüren nicht. Mit anderen Worten lief ich an den Verwaltungsmitarbeitern vorbei, auf die ich ja eigentlich sauer sein wollte und andauernd schallte es aus den Zimmern „Moi!“. Ab dem dritten Zimmer war ich nicht mehr sauer und grüßte zurück. Das gefällt mir sehr an Finnland. Die Leute, die für die Uni arbeiten, sind sich nicht zu fein, bloße Studenten (ja, ich sah auch aus wie einer) zu grüßen, obwohl die nur an ihrer Tür vorbeilaufen.

Die Dame zu der ich dann wollte und endlich gelangte war für meine schlechte Laune dann endgültig tödlich. Sie nahm sich bestimmt einfach mal so zwischendurch zwanzig Minuten für mich Zeit, lächelte die ganze Zeit, hatte einen lustigen S-Fehler im Englischen, den ich schon bei vielen Finnen beobachtet habe, und räumte so gut wie alle meine Zweifel aus. Wenn das alles so stimmt, was sie und andere mir versichert haben, müsste ein finnischer Student wohl nie einen Professor oder Dozenten zu Gesicht bekommen. Man entscheidet sich für ein Thema, liest die Bücher und wenn man meint man ist fit in dem Thema, meldet man sich spätestens 7 Tage vor einem Prüfungstermin für einen solchen an. Solche zentralen Prüfungstermine hat jede Fakultät ein- oder zweimal im Monat.

Man legt also sein Tempo komplett selber fest. Das finde ich gut. Wird aber auch schwer werden, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich immer in die Bibliothek zu schleifen, wenn niemand einen beaufsichtigt. Wie ihr seht bin ich also vorsichtig optimistisch gestimmt. Verstehe auch eigentlich nicht, warum die Finnen immer als so missmutig dargestellt werden. So auf der Straße sind sie natürlich schon eher verschlossen, aber im professionellen Bereich von Kiosk bis zur Universität überschlagen sie sich fast mit Freundlichkeit. Naja, hat ja meine schlechte Laune dann auch echt kaputt gemacht – ganz ohne deutsches Rumgemeckere…vielleicht sollte ich deswegen sauer….. nein, lieber nicht. Vielleicht heißt in Sachen Uni von Finnen lernen doch siegen lernen. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Dennoch ist mir dann doch etwas sehr verstörendes untergekommen. Wir waren gestern wieder die Fußballmädels bejubeln. Frankreich wurde dann ja doch trotz ansehnlicher Versuche 5:1 demontiert in einer unglaublichen Weise. Nach guter Halbzeit1 einfach mal die komplette Halbzeit2 ausser den ersten fünf und den letzten fünf Minuten komplett verschlafen und trotzdem noch 2:1 gewinnen. Siegermentalität. Doll.

Aber darum gehts ja gar nicht. Vor dem Spiel ist ja bei Männer- oder Frauenfußballspielen auf internationalem Level immer so diese Ansage von „United against racism“ – also haltet die Stadien sicher, verurteilt jede Form von Diskrimierung und so. Eine sehr gute Sache das. Auch wenn ich dachte, dass das bei einem Frauenfußballspiel in Tampere, Finnland nicht unbedingt nötig sein würde. Die sechs (!) Polizisten, die ich im Stadion gesehen habe, haben auch relativ entspannt Kaffee getrunken. Aber in der Halbzeitpause haben Martin, Alex und ich dann einen Typen gesehen, der komplett in schwarz gekleidet war nur unter der Jacke ein rotes T-Shirt trug mit einem weißen Kreis drin, in dem ein fettes schwarzes Hakenkreuz prangte. Er war vermutlich kein Deutscher und vermutlich ist das Zeigen dieser Symbole hier nicht strafbar aber das macht das Ganze kein Stück besser. Und da standen wir drei wieder und suchten verzweifelt nach unserer Zivilcourage. Was macht man? Ansprechen? Anspucken? Verprügeln? Polizei ansprechen? „Entschuldigen Sie bitte, ich bin Deutscher und dieser Herr dort läuft mit einem Hakenkreuz auf dem T-Shirt rum und das gefällt mir ganz und gar nicht.“ – Auch irgendwie blöd. Dann war er weg. Da er aber dreimal oder so an den Leuten mit St. Pauli-Pullovern vorbeilief und die auch nichts machten, haben wir drei uns das entweder nur eingebildet oder … ich weiß auch nicht was oder. Jedenfalls sehr verstörend.

Versöhnlich war dann aber doch, dass sich Spiegel Online und die gesamte deutsche Journaille meine harsche Kritik nach dem letzten Spiel offensichtlich zu Herzen genommen hat und dieses Mal die richtige Zuschauerzahl übermittelt hat – toll, oder?!

In diesem Sinne. Ich muss jetzt die letzten Minuten vor dem Regen noch für Einkäufe nutzen und danach weiter an der Hausarbeit schreiben. Denn die Finnen sind ja nett – aber so nett, dass sie mir das abnehmen doch wieder nicht. Mist

Grüße von allen festen und temporären Bewohnern der Tuomiokirkonkatu 19, Zimmer 509

Christopher